Die folgende Passage gibt die persönliche Rückschau Ferry Porsches zur Entwicklung des 911 wieder:
„Was nun den Nachfolger für den 356 betrifft, so wurde im Hause die unterschiedlichsten Meinungen vertreten. Eine Partei sagte, wir brauchen einen Viersitzer. Wir haben deshalb den 356 in einigen Varianten als Viersitzer ausgelegt, wir bauten eine Limousine, Ein Cabriolet, ein Coupe, alle waren sie vernünftige Lösungen. Das Cabriolet war nur 100 Kilogramm schwerer als der 356. Das konnte man akzeptieren. Auch das Coupe war ganz interessant. Ich habe aber dann entschieden: „Schluss damit, jetzt machen wir einmal einen richtigen Nachfolger mit einem neuen Motor und zwar einem Sechszylinder, denn das neue Auto sollte besser sein, als das Alte“ Im Haus hat man dann philosophiert, die Menschen werden größer und wir müssen uns davor hüten zu kleine Autos zu bauen und ähnlichen Unsinn. Die Folge war das niedrige Gewicht der ersten Prototypen wurde nie mehr erreicht. Das neue Auto wurde immer schwerer. Nun gab es da einen Entwurf meines ältesten Sohnes Ferdinand Alexander, genannt, „Butzi“. Er war 1957 in die Firma gekommen und da er sich sehr für Styling interessierte, arbeitete er bei Herrn Komenda, der für die Karosserie zuständig war. Butzi zeigte sehr bald ein beachtliches Talent für Syling. Sein Nachfolger Modell für den 356 war wirklich ein sehr schönes Auto, ein 2+2, also fast schon ein Viersitzer, als Typ 7 bezeichnet, der eigentlich allen Beteiligten gut gefiel. Wir ließen dann auf der Grundlage des Typs 7 bei Herrn Komenda einige Prototypen bauen, eine Variante 1,2 ud 3 und siehe da, die Autos wurden immer größer und schwerer. Da habe ich ein Machtwort gesprochen, den Radstand auf 2,20 Meter begrenzt und gewisse Vorgaben für Radaufhängung und Motor gemacht. Denn alles was über 2,20 m hinausging führte automatisch zu einem Viersitzer. Ich habe dann festgestellt dass Herr Komenda auf meine Vorschläge nicht einging, sondern unbedingt seine Autos bauen wollte, die er und seine Herren entworfen hatten. Außerdem veränderte er stets die Styling Entwürfe meines Sohns in jene Geschmacksrichtung, die er und seine Herren vertraten. Ich habe im Laufe dieser Auseinandersetzung beobachtet, dass ein Karosseriekonstrukteur nicht unbedingt ein Fachmann in Bezug auf Styling ist und umgekehrt, ein Stylingmann nicht unbedingt als Experte in Sachen Karosseriekonstruktion angesehen werden kann. Beide aber sind davon überzeugt, dass sie auf beiden Gebieten Experten darstellen. Ich sah mich nun mit der Frag konfrontiert, was zu tun war. Damit ein Modell so erhalten blieb wie es vom Stylingbereich entworfen wurde, wenn es in die Hände der Karosseriekonstrukteur geriet. Ich musste mir also etwas einfallen lassen. Nun hatten wir ja inzwischen die Firma Reutter übernommen, die über eine eigene Konstruktionsabteilung verfügte. Ich ging deshalb zu Herrn Beierbach, damals Geschäftsführer von Reutter und sagte zu ihm: „Herr Beierbach, hier ist das Modell meines Sohnes, können Sie das aufzeichnen lassen, so wie es ist?“ Herr Beierbach konnte das und ließ das Modell in Konstruktionszeichnungen umsetzen. Als Herr Komenda davon informiert wurde, fiele er zunächst aus allen Wolken, aber nach einigen Wochen war er überzeugt und zog nun in der gewünschten Richtung mit. Er und sein Bereich fingen nun auch an zu zeichnen. Was schließlich dabei herauskam, war das, was in der Styling Abteilung bereits als 1:1 Modell vorhanden war der 901."
Zitat: Ferry Porsche, Günther Molter: Ferry Porsche – Mein Leben, Motorbuchverlag, 4. Auflage 1998, S244
Historische Einordnung:
Diese Darstellung spiegelt Ferry Porsches Diese Darstellung spiegelt die Entscheidungsperspektive Ferry Porsches wider. Zeitzeugenberichte, interne Dokumente und Konstruktionszeichnungen zeigen jedoch, dass Erwin Komenda über Jahre hinweg an der Entwicklung eines Nachfolgemodells für den Porsche 356 arbeitete und bereits vor 1961 serienreife Karosseriekonzepte vorlagen.
Der spätere organisatorische Eingriff – insbesondere die Übertragung der formalen Endverantwortung und die Projektübergabe durch den Aktenvermerk T8 an das neu geschaffene Styling-Studio von Ferry Porsches Sohn Ferdinand Alexander („Butzi“) Porsche – veränderte die internen Zuständigkeiten, nicht jedoch die bereits geleistete Entwicklungsarbeit innerhalb der Karosseriekonstruktion.
Erwin Komenda war von 1931 bis zu seinem Tod im Jahr 1966 Leiter der Porsche-Karosseriekonstruktionsabteilung. In dieser Funktion war er verantwortlich für die konzeptionelle, konstruktive und formale Ausarbeitung der Karosserien von Volkswagen- und Porsche-Fahrzeugen, einschließlich der langfristigen Entwicklungsarbeiten an den Nachfolgemodellen des Porsche 356.
Die Entwicklung des Porsche 911 zeigt exemplarisch, wie technische, gestalterische und organisatorische Prozesse ineinandergreifen – und wie historische Wahrnehmung, rechtliche Bewertung und tatsächliche Entwicklungsarbeit voneinander zu unterscheiden sind.
QUELLEN:
– Porsche-Skizzenbuch (Kopien)
– Privatarchiv Familie Komenda
– Patente, Urteile
OLG Stuttgart, Urteil vom 03.03.2023 (Porsche 356)
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